Nun feierte man in diesem Monat 20 Jahre Internet. Erst 20 Jahre Internet, muss man wohl sagen. Und doch bin ich versucht zu sagen: “Also Kinder, passt mal auf, früher, also zu meiner Zeit, da war das so…” Und dann folgt eine langweilige Geschichte über längst Vergangenes, Überholtes, nicht mehr Zeitgemäßes. Über die Zeit “damals”, als alles schlechter war und es noch nix gab. Das Web 0.8 gewissermaßen. Hm. Warum eigentlich nicht?
Die Gedanken an meine persönlichen Anfänge mit dem Internet tragen mich zurück ins Jahr 1994. Dass das Netz da, ausweislich dieses Artikels, erst seit einem Jahr öffentlich zugänglich war, weiß ich nicht mehr. Es war halt auf einmal da. So wie heute iPhones eben da sind. Und HSUPA. Ich war HiWi an einem Institut der Uni Mannheim, und wir ließen auf einem Großrechner SPSS-Jobs laufen, was eine Menge Zeit fraß. Die Wartezeit vertrieben wir uns mit “diesem Internet”, das damals offiziell noch in verschiedene Dienste aufgeteilt war: Es gab FTP, es gab Mail, und es gab auch einen Dienst, der hieß “WWW” – für den gab es aber noch fast nix. “Damit brauchst du dich erstmal nicht zu beschäftigen”, sagte der Chef-Hiwi zu mir, was ich ihm glaubte. Statt dessen trieben wir uns in sowas wie Mailboxen herum und freuten und einen Ast, wenn wir elektronische Bilder herunterluden: Vier Datenpakete, rein textbasiert, mussten downgeloadet werden; die Textblöcke wurden aneinandergefügt, und wenn man dann einen “Image Viewer” hatte, dann machte der aus den Nullen und Einsen ein Bild. Ein Gif. Wahnsinn.
Als Browser nutzen wir “Lynx” – einen Textbrowser, der uns in ASCII durch die weite Welt steuern ließ. Am komfortabelsten war ein Dienst namens “Gopher” – was soviel hieß wie “go for…” blabla – irgendwas hat. Die Kommandozeile begann mit “gopher://…” und dann: ab dafür. Wir browsten durch die Personalverzeichnisse amerikanischer Universitäten, und ich erinnere mich tierisch stolz gewesen zu sein, eine Biografie von Billy Joel online gelesen zu haben. Meine Email-Adresse zu jener Zeit war wahnwitzig lang: “rkuehnl@zeus3.sowi.mzes.uni-mannheim.de”. Es lohnt sich nicht, sie heute auszuprobieren – da kommt nix mehr an. Wie damals auch schon, wenn der Unix-PC in unserem Hiwi-Zimmer runtergefahren war. Das war nämlich die “zeus3″ – unsere Mail-Maschine, die stärkste verfügbare: Ein Pentium I mit 150 MHz-Taktung. Ein echtes Brett an der 10-MBit-Leitung.
Internet von zu Hause war grätiger. Man wählte sich mit einem 14.4er-Modem (immerhin nicht mehr mit einem Akustik-Koppler) über ein Terminal-Programm ein: Nach der Befehlszeile “atdt 2921020″ quietschte die Kiste zunächst erheblich, später weniger – und schließlich sprang ein Menü auf, das in vielen Buchstaben bestätigte, dass man sich mit dem “Rummelplatz” verbunden habe. Die Verbindung herzustellen war in der Regel kein Problem, wenn das Rechenzentrum auch nur über eine sehr überschaubare Anzahl an Modems verfügte und die Leitungen bei 13.000 Studenten leicht hätten besetzt sein können – aber wer brauchte schon sowas wie Internet?
Das änderte sich langsam, als es dann endlich etwas für diesen WWW-Dienst gab. Einwahl wie gehabt, unter Win 3.11 einen PPP-Socket gestartet, dann Netscape 1.0 draufgesetzt – und mit ein bisschen Glück sah man ein grafisch aufgepimptes Internet. Die “New York Times” in der Internet-Ausgabe. Hammer. Zumindest solange kein Störpiepser der Telekom die Leitung kappte. Überhaupt wurde dann alles viel toller. “Eudora Lite” sammelte an Mails zusammen, was die Leitung hergab, und mein Chef-Hiwi (der ein echter IT-Crack war und heute noch ist) sagte damals: “Viren sind Kappes, die kommen net per Mail.” Und Spam kam schon gar keiner. Von wem auch? Ich baute meine erste private Homepage. Die lag auch auf dem Rummelplatz und endete irgendwie mit “…/~kuehnl/index.html”. Das war das letzte Mal, dass ich die Tilde auf meiner Tastatur brauchte.
Tja, Kinder, so war das Internet vor 15 Jahren. Zumindest auszugsweise. Und heute? Ist echt alles viel doller. Und bunter. Und schneller. Und ich weiß es zu schätzen.