Archive for March, 2009

Wer ist dieser Gopher?

March 31st, 2009

Nun feierte man in diesem Monat 20 Jahre Internet. Erst 20 Jahre Internet, muss man wohl sagen. Und doch bin ich versucht zu sagen: “Also Kinder, passt mal auf, früher, also zu meiner Zeit, da war das so…” Und dann folgt eine langweilige Geschichte über längst Vergangenes, Überholtes, nicht mehr Zeitgemäßes. Über die Zeit “damals”, als alles schlechter war und es noch nix gab. Das Web 0.8 gewissermaßen. Hm. Warum eigentlich nicht?

Die Gedanken an meine persönlichen Anfänge mit dem Internet tragen mich zurück ins Jahr 1994. Dass das Netz da, ausweislich dieses Artikels, erst seit einem Jahr öffentlich zugänglich war, weiß ich nicht mehr. Es war halt auf einmal da. So wie heute iPhones eben da sind. Und HSUPA. Ich war HiWi an einem Institut der Uni Mannheim, und wir ließen auf einem Großrechner SPSS-Jobs laufen, was eine Menge Zeit fraß. Die Wartezeit vertrieben wir uns mit “diesem Internet”, das damals offiziell noch in verschiedene Dienste aufgeteilt war: Es gab FTP, es gab Mail, und es gab auch einen Dienst, der hieß “WWW” – für den gab es aber noch fast nix. “Damit brauchst du dich erstmal nicht zu beschäftigen”, sagte der Chef-Hiwi zu mir, was ich ihm glaubte. Statt dessen trieben wir uns in sowas wie Mailboxen herum und freuten und einen Ast, wenn wir elektronische Bilder herunterluden: Vier Datenpakete, rein textbasiert, mussten downgeloadet werden; die Textblöcke wurden aneinandergefügt, und wenn man dann einen “Image Viewer” hatte, dann machte der aus den Nullen und Einsen ein Bild. Ein Gif. Wahnsinn.

Als Browser nutzen wir “Lynx” – einen Textbrowser, der uns in ASCII durch die weite Welt steuern ließ. Am komfortabelsten war ein Dienst namens “Gopher” – was soviel hieß wie “go for…” blabla – irgendwas hat. Die Kommandozeile begann mit “gopher://…” und dann: ab dafür. Wir browsten durch die Personalverzeichnisse amerikanischer Universitäten, und ich erinnere mich tierisch stolz gewesen zu sein, eine Biografie von Billy Joel online gelesen zu haben. Meine Email-Adresse zu jener Zeit war wahnwitzig lang: “rkuehnl@zeus3.sowi.mzes.uni-mannheim.de”. Es lohnt sich nicht, sie heute auszuprobieren – da kommt nix mehr an. Wie damals auch schon, wenn der Unix-PC in unserem Hiwi-Zimmer runtergefahren war. Das war nämlich die “zeus3″ – unsere Mail-Maschine, die stärkste verfügbare: Ein Pentium I mit 150 MHz-Taktung. Ein echtes Brett an der 10-MBit-Leitung.

Internet von zu Hause war grätiger. Man wählte sich mit einem 14.4er-Modem (immerhin nicht mehr mit einem Akustik-Koppler) über ein Terminal-Programm ein: Nach der Befehlszeile “atdt 2921020″ quietschte die Kiste zunächst erheblich, später weniger – und schließlich sprang ein Menü auf, das in vielen Buchstaben bestätigte, dass man sich mit dem “Rummelplatz” verbunden habe. Die Verbindung herzustellen war in der Regel kein Problem, wenn das Rechenzentrum auch nur über eine sehr überschaubare Anzahl an Modems verfügte und die Leitungen bei 13.000 Studenten leicht hätten besetzt sein können – aber wer brauchte schon sowas wie Internet?

Das änderte sich langsam, als es dann endlich etwas für diesen WWW-Dienst gab. Einwahl wie gehabt, unter Win 3.11 einen PPP-Socket gestartet, dann Netscape 1.0 draufgesetzt – und mit ein bisschen Glück sah man ein grafisch aufgepimptes Internet. Die “New York Times” in der Internet-Ausgabe. Hammer. Zumindest solange kein Störpiepser der Telekom die Leitung kappte. Überhaupt wurde dann alles viel toller. “Eudora Lite” sammelte an Mails zusammen, was die Leitung hergab, und mein Chef-Hiwi (der ein echter IT-Crack war und heute noch ist) sagte damals: “Viren sind Kappes, die kommen net per Mail.” Und Spam kam schon gar keiner. Von wem auch? Ich baute meine erste private Homepage. Die lag auch auf dem Rummelplatz und endete irgendwie mit “…/~kuehnl/index.html”. Das war das letzte Mal, dass ich die Tilde auf meiner Tastatur brauchte.

Tja, Kinder, so war das Internet vor 15 Jahren. Zumindest auszugsweise. Und heute? Ist echt alles viel doller. Und bunter. Und schneller. Und ich weiß es zu schätzen.

How much watch?

March 29th, 2009

Es gibt Dinge, von denen ich nicht glaubte mich mit ihnen jemals noch einmal beschäftigen zu müssen. Die Sommerzeit zum Beispiel. Von wenigen analogen Zeitmessern in der Wohnung einmal abgesehen stellt sich meine digitale Existenz inzwischen völlig geräuschlos von selbst um: Funk-Armbanduhr, PC, Handy. Handy? Dachte ich. Doch man sollte nicht glauben, was noch im Jahr 2009 alles passieren kann…

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Das Objekt: Ein noch nicht sehr altes SonyEricsson X1 Xperia, gekauft zur Winterzeit vor ziemlich genau vier Monaten. Aktuell führendes Modell der “connect”-Bestenliste in der Kategorie PDA-Phones. Ein absolutes Kommunikationswunder, Push-Mail-Gedöns, vollständige QWERTZ-Tastatur unter dem Touchscreen-Slider, Display-Auflösung 800 x 480, richtig Prozessorleistung unter der Haube; genau genommen einem Netbook näher als einem Handy.

Und nun überraschte mich die Spreche heute früh zwar mit der Meldung, dass die Sommerzeit angebrochen sei – indes: sie hatte ausweislich meines Displays faktisch vergessen, die Uhr um eine Stunde vorzustellen.

Nach einigem Werkeln in diversen Menüs bin ich nun ziemlich sicher, dass da ein mittelgroßer Käfer sein Unwesen treibt. Denn: Die Systemzeit des Handys hat sich tatsächlich auf Sommerzeit umgestellt, einzig die Uhr auf meinem Lieblingspanel ["Panels" sind beim X1 unterschiedliche Oberflächen (ähnlich einem Desktop), die man dem Gerät als Hauptbildschirm individuell zuweisen kann] verharrt stur in der Winterzeit. In allen anderen Panels stellt sie sich entsprechend der Systemzeit um. Irgendwie ein Hammer.

Damit ist mein Handy für zumindest eine Hälfte des Jahres ein ziemlich verwirrendes Ding. Denn mein Lieblings-Panel möchte ich nur ungern aufgeben, weil es auf einen Blick alle relevanten Informationen anzeigt: Entgangene Anrufe, SMS, Emails, W-Lan-, UMTS- und Bluetooth-Status, Klingelprofil, Temperatur, Termine, Aufgaben, RSS-Feeds, Shortcuts zu den wichtigsten Anwendungen und die Uhrzeit. Ähh – die falsche Uhrzeit. Und zwar unabänderlich. Bleiben zwei Möglichkeiten:

  1. Ich denk’ mir im Sommer immer eine Stunde dazu (eine absolut zeitgemäße Maßnahme im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert)
  2. Ich ziehe vorübergehend nach England (wenig pragmatisch im Vergleich zu Alternative a))

Oder ich frag’ alternativ mal bei SonyEricsson, was sie sich bei dem Quatsch eigentlich gedacht haben.

Edit: Die Funktion zum Einstellen der Sommerzeit verbirgt sich im Panel bei der Angabe des Ortes, den man wählt, um sich die lokale Temperatur anzuzeigen zu lassen. Ich lebe jetzt also wieder in der richtigen Zeit. Und auf die Funktion gestoßen bin ich nur, weil ich aus lauter Verzweiflung heute früh (30.03.) ein Betriebssystemupdate gemacht habe, in dem ich ALLE Einstellungen neu konfgurieren musste – auch meinen Heimatstandort. Und da sah ich dann die Auswahlmöglichkeit “Sommerzeit”. Menno.

News aus dem Delta – die Kalenderwoche 11

March 13th, 2009

Viel ist passiert in der vergangenen Woche im Delta der Metropolregion. Hier die Quintessenz aus der Berichterstattung des Rhein-Neckar-Fernsehens – das Wochenrückblog.

Explosion in der Heidelberger Weststadt

Am Montag hielt eine Explosion in der Heidelberger Weststadt Feuerwehr, Polizei und Bewohner für Stunden in Atem. Die Ursache des Unglücks ist inzwischen geklärt: Offenbar führten Treibmittel in Montageschaumdosen zu der Verpuffung. Vermutlich hatten drei Arbeiter im Keller des Hauses Bohrlöcher mit über 100 Dosen Montageschaum gefüllt und dabei die Warnhinweise des Herstellers völlig mißachtet. Laut Polizei rauchten die Arbeiter möglicherweise, so dass sich das hochexplosive Gas-/Luftgemisch entzündete. Bei der Explosion wurden fünf Menschen verletzt, zwei Arbeiter liegen mit schweren Verbrennungen in der BG Unfallklinik in Ludwigshafen, einer von ihnen auf der Intensivstation. Zum TV-Beitrag vom Montag in RNF Life.

Spatenstich für Heidelberger Bahnstadt

Jahrelang wurde geplant, diskutiert, gerechnet und gestritten – doch jetzt werden Fakten geschaffen: Auf dem 116 Hektar großen Gelände des ehemaligen Heidelberger Güterbahnhofs wurde der erste Spatenstich für ein gigantisches Bauprojekt gesetzt. Heidelberg bekommt einen neuen Stadtteil – die Bahnstadt. Zum TV-Beitrag in RNF Life. Gleichzeitig ist durch den Bau der Bahnstadt die geschützte Mauer-Eidechse bedroht – auch hierzu der Beitrag.

Mehr Kurzarbeit bei Daimler in Wörth und Mannheim

Daimler weitet die Kurzarbeit nun auch auf LKW-Werke aus. Im Mercedes-Benz Werk in Wörth sollen vom 4. Mai an bis zu 7500 Mitarbeiter kurzarbeiten. Im LKW-Werk in Mannheim werden ab dem 6. April 3500 Beschäftigte betroffen sein. Die Maßnahme ist zunächst bis zum Ende der Sommerferien 2009 geplant. Außerdem wurden Zeitarbeitsverträge und befristete Arbeitsverträge nicht verlängert. Daimler reagiert damit auf die anhaltende Nachfrageschwäche und rückläufige Auftragseingänge.

Teilgeständnisse im Prozess um Ludwigshafener Hafen-Affäre

Im Bestechungsprozess um die Hafenbetriebe Ludwigshafen legten die ersten Angeklagten Teilgeständnisse ab.  Der frühere Geschäftsführer Sigurd Kunkel sagte vor Gericht, er habe damals jeden Bezug zur Realität verloren. Der 64jährige will sich noch im Einzelnen zu den Vorwürfen äußern. Ein früherer Abteilungsleiter der Hafenbetriebe räumte die Untreue-Vorwürfe zum großen Teil ein, bestritt aber, Geld angenommen zu haben. Bauunternehmen sollen über Jahre hinweg überhöhte Rechnungen bei den Hafenbetrieben abgerechnet haben. Dadurch entstand laut Anklage ein Schaden von 2,5 Millionen Euro. Die beiden Angeklagten sollen den Unternehmen Aufträge zugeschoben haben. Im Gegenzug ließen sie Privathäuser und -wohnungen renovieren. Ein mitangeklagter Bauunternehmer sagte, er sei davon ausgegangen, dass es sich dabei um Betriebswohnungen handle. Zum Video vom Prozessauftakt.

Schüsse in Mannheimer Kiosk: Acht Jahre Haft wegen Totschlags

Ein Mannheimer Kioskbesitzer muss wegen Totschlags ins Gefängnis. Das Landgericht Mannheim verurteilte den 35jährigen zu acht Jahren Haft und Schmerzensgeld in Höhe von 20.000 Euro. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Kioskbesitzer im April vergangenen Jahres seinen früheren Angestellten erschossen hat. Der Tat ging ein Streit um Lohnzahlungen voraus. Laut Urteil schoss der Verurteilte seinem Opfer zunächst ins Bein und feuerte dann aus nächster Nähe weitere Schüsse in den Oberkörper ab. Die Tat habe einer Hinrichtung geglichen, hieß es vor Gericht. Der 35-Jährige hatte vor Gericht die Tat eingeräumt, berief sich aber auf Notwehr.

Ein Mensch stirbt bei Brand in Walldorf

Das Feuer in einem Wohnhaus in Walldorf ist gelegt worden. Die Polizei geht von Selbstmord aus. Bei der am Montag in der ausgebrannten Wohnung gefundenen Leiche handelt es sich höchstwahrscheinlich um den 38jährigen Besitzer. Der Mann war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, die Türen in der Dachgeschosswohnung waren von innen verschlossen. Das Feuer war am frühen Montagmorgen ausgebrochen, die genaue Brandursache ist noch unklar. Es entstand ein Schaden von 150 000 Euro.

Weniger Geld für BASF-Vorstände

Die Wirtschaftskrise schlägt sich bei der BASF auch in den Vorstandsbezügen nieder.  Wie aus dem Geschäftsbericht hervorgeht, verdiente Konzernchef Jürgen Hambrecht im vergangenen Jahr insgesamt 4,4 Millionen Euro. 2007 waren es noch 5,2 Millionen. Der gesamte BASF-Vorstand kam auf eine Gesamtvergütung von 22,35 Millionen Euro, etwa fünfeinhalb Millionen weniger als im Jahr zuvor.

Überfülltes Tierheim in Weinheim

Tierheime sind die letzte Chance für Tiere, die niemand mehr haben will.
Allerdings stehen viele dieser Tier-Asyle quasi chronisch vor der Pleite. 90 Prozent aller deutschen Tierheime werden von lokalen Tierschutzvereinen unterhalten, die öffentliche Hand hält sich zurück – auch in der Region. Nur ein Beispiel ist das Tierheim in Weinheim: Es ist in einem desolaten Zustand – zum Video.

Jetzt ist er weg… WEG!

March 6th, 2009
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Wer sich an einen Song der FantaVier erinnert fühlt – stimmt, der ging mir auch gerade durch den Kopf. Und "er", das ist mein Lieblingsauto. Mein A3 Gekauft vom ersten selbst verdienten Geld, der erste und bislang einzige Neuwagen meines Lebens. Seinem ersten Nummernschild nach von guten Freunden auf den Namen "Lurki" getauft. Und so hieß er selbst noch, als er schon längst ein "Hdrk" war – was zugegebenermaßen ungeschmeidiger aus dem Gehege des Sprechers Zähne fließt. Es gab Zeiten, da dachte ich, nichts auf der Welt würde uns jemals trennen. Er transportierte – wie unpraktisch für einen Dreitürer – eine Kleinfamilie mit Baby, erduldete Kinderwagen in seinem nicht dafür konzipierten Kofferraum und ertrug die Nachbarin, die Gas mit Bremse verwechselte und ihren Stufenheck-Kadett unsanft, aber dafür nachhaltig in seinem Heck platzierte.

Jetzt, elf-elfzwölftel Jahre und 164.965 Kilometer nach seiner Erstzulassung, kommt der ehemalige Vorreiter einer ganzen Audi Design-Generation zum Gebrauchtwagen-Iraker um die Ecke – nicht etwa auf die Abwrackhalde. Denn sein Ersatz wird kein Neuwagen, sondern der wahrscheinlich bestgepflegte gebrauchte Schweden-Panzer südlich des Polarkreises sein – das Ex-Auto meines Vaters. Ein Auto, das endlich die Beschreibung "Familienkutsche" verdient, zumindest den Ausmaßen nach.

In den letzten Jahren machten der kleine A3 und ich einige harte Monate durch. Wie auf Programm gingen mehrere Bauteile fein aufeinander abgestimmt nacheinander kaputt. Allein der mehrfache Ersatz der Lichtmaschine dürfte dem dörflichen KfZ-Meister einen kleinen Sonderurlaub beschert haben. Aber sei’s drum – Durststrecken gibt’s immer wieder. Selbst das sollte uns nicht trennen. Nun aber war die Gelegenheit einfach zu günstig; die Vernunft obsiegte die Emotion. Du wirst unvergessen bleiben, kleiner Lurki.

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Twitter Frenzy

March 5th, 2009

Einfach immer wieder lustig, und deshalb nun (auch noch) hier verewigt.

Ääähm… Welcher Twitterer erkennt sich da nicht wieder? Mal die Hand hoch… ;)

Fernsehen stirbt? I wo!

March 4th, 2009

Das war spannend und befruchtend, was Christian Gummig (targa.tv), Holger Preckel (Alcatel-Lucent), Ibrahim Evsan (Sevenload) und Peter Yves Ruland (Connected TV) heute beim Webciety Practice Panel zum Thema “Bewegtbild im Internet” zu diskutieren hatten. Es galt zu klären, ob es “Wunderwaffe oder Kostenfalle” sei – und die einhellige Meinung war: Langfristig gehört dem Video im Netz die Zukunft, in welcher Ausprägung auch immer es am Ende erscheinen mag. Das Geschäftsmodell “Fernsehen”, so wie wir es heute kennen, geht seinem Ende entgegen. Warum? Weil sich die User künftig von Videoplattformen nur noch das ziehen, was sie wirklich sehen wollen, angereichert mit auf den einzelnen Nutzer zugeschnittene Werbung. Streuverluste in der Werbung gehören damit der Vergangenheit an, ergo: Die Werbevermarkter werden ihre Budgets vermehrt in Plattformen stecken, die geringe Streuverluste garantieren. Soweit einige wenige Kernthesen der wirklich sehr interessanten Diskussion, die von kompetenter Seite viele neue Aspekte auf den Tisch brachte – und die ich sehr ernst nahm, denn schließlich geht’s hier um nicht weniger als meine Arbeitgeberbranche in toto.

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Nun beschäftige ich mich ja auch schon eine ganze Weile mit dem Thema – von der anderen Seite her kommend, als “klassisch” ausgebildeter Fernsehmensch, allerdings mit einer bekennenden und nicht zu übersehenden Affinität zu Web-2.0-Sujets und ihren Derivaten. Und natürlich machen sich auch die TV-Sender und -Anstalten Gedanken um ihre Rolle und ihre künftige Daseinsberechtigung, ob nationaler Marktführer oder regionaler Informationsversorger. Und wie sieht dieses künftige Selbstbild nun aus, das auf der Webciety ein wenig unterrepräsentiert war? Nun – wohl nicht so radikal negativ. Warum auch? Das Nutzerverhalten wird sich verschieben, ohne Frage. Die junge Internet-Elite besorgt sich Information und Unterhaltung anders als frühere Generationen. Und dennoch muss das Bewegtbild im Internet erst noch erwachsen werden, ehe es auf breiter Ebene eine Konkurrenz zum klassischen Fernsehen werden kann. Dazu nur einige wenige Anregungen und Überlegungen:

  • Fernsehen muss einfach sein. Auf die Couch setzen, Glotze an, reingucken. Komplizierter darf der Workflow nicht sein. Keine Ladezeiten, keine langen “Umschaltzeiten”. Content muss sofort und zuverlässig verfügbar sein. Das ist er heute im Internet nicht, und bisher habe ich noch kein Gerät entdeckt, das dieses “Plug & Play für Dummies” möglich macht.
  • Fernsehen muss vorsortiert sein. Weshalb haben journalistische Online-Portale den größeren Erfolg als viele, zum Teil qualitativ sehr hochwertige Blogs? Weil sie ein aggregiertes Abbild der Welt darstellen. Weil Journalisten eine Auswahl getroffen haben, die ein Großteil der Nutzer als das “Relevant Set” an Information ansieht. Weil der Nutzer auf einen Klick das Wichtigste des Tages vor Augen hat. Diese Aufgabe übernehmen im übertragenen Sinne heute bereits die Programmplaner des Fernsehens. Sie antizipieren den Willen ihrer Zuschauer; und sie tun das hoch professionell; ausgerichtet auf die breite Masse. Nischennutzer fühlen sich da zuweilen verloren, sicher. Aber auch die Verfechter des individuellen Fernsehens wollen ja an die breite Masse, denn sie verdient dem Anbieter letzten Endes das Geld. Wir dürfen also davon ausgehen, dass der Wille des Zuschauers bereits heute ausreichend gewürdigt wird. Es wird immer Menschen geben, die sich ein “individuelleres” Programm wünschen und dafür einen erhöhten Organisations- und Zeitaufwandaufwand beim Strukturieren und Durchforsten verschiedener Information- und Unterhaltungsquellen auf sich nehmen. Das sind jene, die heute bereits ihren Feedreader pflegen (und zu denen zähle ich mich dazu), neue Internetquellen recherchieren und sich damit quasi die eigene Redaktion machen. Sie werden sicherlich in Zukunft auch Video-RSS abonnieren und sich eine eigene Unterhaltungstimeline bauen. Aber will das Oma Kasuppke, die nette Dame von nebenan, auch? Oder will sie nicht lieber einfach nur “konsumieren”? Stressfrei. Vorgekaut, gewissermaßen.

Das große Manko des Fernsehens aktuell ist, dass es zeitgebunden stattfindet, und hier kann das Internet wirklich etwas tun. Auch das war ein Kerngedanke der Diskussion von heute, und zwar völlig zurecht. Zeitversetzte Übertragung ist eine Killerapplikation, durchaus. (Einschränkung: meistens. Denn ein spannendes Live-Event will gemeinsam erlebt werden. Die Eröffnung der Olympischen Spiele guckt sich zwei Wochen nach ihrer Erstausstrahlung kein Mensch mehr an…) Aber der Zeitversatz alleine macht noch keine Medienrevolution oder bewirkt gar, dass eines aufhört zu existieren.

Warum also sollte das Fernsehen von heute, der permanente Stream an Information und Unterhaltung, sterben, wenn er sich am Willen seiner Nutzer orientiert? Das wäre etwa so, als prophezeihe man das Ende des Radios, weil es nun MP3 gibt und jeder sich sein Radioprogramm selbst zusammen stellt. So wird es nicht kommen – das ist nach mehr als einem Jahrzehnt der Existenz von MP3s absehbar. Denn trotz Podcasts, spezialisierten Abo-Möglichkeiten im Internet, zielgruppenorientierter Werbeansprache etceterapeepee machen Millionen Menschen morgens als erstes den Radiowecker an, hören Musik und Nachrichten. Weil es technisch verdammt einfach ist und griffig aufbereitet wird. Viel mehr steckt nicht dahinter. Und später am Tag stöpselt sich der User dann den iPod ins Ohr und hört seine Lieblingsmucke. Die Vielfalt macht das Programm.

Was bedeutet das nun fürs Fernsehen? Ebenso: Friedliche Ko-Existenz, siehe Radio. Und dieses beifällige Nebeneinander wird im übrigen schon gelebt: Logiert man in einem Business-Hotel der höheren Klasse, so findet man dort im Zimmer einen Flatscreen und eine Tastatur. Fertig. Auf dem Flat ist nach Gutdünken klassisches Internet, klassisches TV und Video on demand abrufbar, meist auch noch Radio und eine virtuelle  CD-Sammlung. Alles in einem Gerät, perfekt. Eine Installation, die man sich für den Home-Bereich wünschte. Und wer ist dann gestorben? Niemand.

Ich für meinen Teil denke, die Medien wachsen in dieser Art und Weise zusammen, verschmelzen und ergänzen sich. Mit bescheidenen Mitteln haben wir als privater, regionaler Fernsehsender auf rnf.de eine Video-Plattform integriert, die die journalistischen Inhalte des TV-Programms RNF beinhaltet. Die Analyse des Nutzungsverhaltens heute zeigt: Die Erstrezeption eines Themas findet im Fernsehen statt – und danach folgt gegebenfalls der Run auf Video-Portal, je nach Brisanz und öffentlichem Interesse: Links werden vermailt, zum Teil auch getwittert, und wer etwas verpasst oder nicht richtig mitbekommen hat oder einen Beitrag einfach nochmal sehen will, hat nun eine sehr bequeme Möglichkeit, in Ruhe zu recherchieren oder ein Thema auf sich wirken zu lassen. Für diese Art der Nutzung ist Bewegtbild im Internet aus der Quelle von TV-Sendern nachgerade ideal. Es ist zeitlos, unabhängig, immer verfügbar. Aber eben auch so individuell, dass man mit seinem Programm alleine ist.

In der Diskusssion wurde die Interaktivität künftigen Fernsehens angesprochen: Livekommentare der Nutzer während der Sendung, Abstimmungen, Bewertungen – so wie Twitterer das heute schon leben, völlig plattformunabhängig und unaufgefordert. Das bedingt aber zeitgleichen Programmkonsum – erst dann macht gemeinsames, interaktives Fernsehen Spaß. Alleine glotzen langweilt. Womit sich die Verfechter des individualisierten Fernsehens aber in ihrer divergierenden Argumentation zum Thema IP-TV selbst widersprechen. Aber auch das ist eventuell nur ein Zeichen dafür, dass noch nichts wirklich geschwätzt und alles im Fluss ist.

Eine weitere Frage war: Wann wird sich ein einheitlicher Standard für IP-TV herausgebildet haben? Meine Meinung: Nie. Der ständige Wandel wird uns begleiten. Wer Kompatibilitäten schafft, gewinnt. Wer auf Standards wartet, hat schon verloren. Was für die Produktion von TV ebenso gilt wie für seine Distribution.

Zuletzt noch Nebenschauplatz, der sich geradezu aufdrängt: Ein Argument für ein individualisiertes IP-TV ist ja immer wieder auch der “demokratische” Aspekt. Wenn jeder Videos erstellen und uploaden kann und jeder die Videos ansehen könne, würden sich quasi von selbst neue Formate ergeben und Talente würden sich ihren Weg bahnen. Hehr, aber nicht sehr realistisch. Große Namen und große Marken entstehen, wenn sie die große Bühne bekommen. Heißt: Wenn viele Menschen zuschauen – oder eben zuschauen müssen, weil Programmmacher das so wollen. Die vermeintlichten Stars, die das Internet bisher gebar, waren in Wirklichkeit am Ende doch Stars, die das Fernsehen schuf, von Paul Potts über “Du bist mein Sonnenliiischt” bis zu Frau Zehnbauer. Sie wurden da richtig groß, als sie von der Welt des Webs auf die große Bühne des Fernsehens traten. Und um nochmal die Brücke zum Beginn zu schlagen: Die Werber werden darauf achten, dass die Bühne sich nicht selbst atomisiert. Werbung braucht die große Bühne, braucht deren Ikonen und Galionsfiguren und die Geschichten, die sich um sie ranken. Plakative und dennoch pointierte Stories. Massenkompatibel. Wirksam. Klatschig. Kitschig. Plots, auf die SpOn und Bild.de samt ihrer Druckerzeugnisse gleichermaßen reagieren. Es braucht Stars und Figuren, an denen sich User reiben können. Und diese Stars werden nicht in den unergründlichen Weiten von YouTube o.ä. gemacht, sondern im konzertierten Medienmix durch Permanenzpräsenz. So lauft’s Bissness, net anders. Alles andere ist Brei.

Dass die Bühne künftig nicht mehr auf einer Einbahnstraße via Satellit ins Wohnzimmer kommt, sondern auf dem vierspurigen, in beide Richtungen befahrbaren Datenhighway mit all seinen Möglichkeiten und Ausbaustufen, alles IP-basiert und in High Definition einerseits, mobil und unabhängig auf den PDA-Phone-Screen andererseits – das ist unstrittig. Aber das Konzept wird im Grundsatz immer noch Fernsehen sein, ergänzt um zusätzliche Formate, die Nutzungszweck wie künftigen Endgeräten angepasst sind.

…und in fünf Jahren schau’ ich mir diese Gedankengänge dann auch nochmal an… Und DANN schaumermal, was von dem Blick in die Kristallkugel noch übrig ist. Vielleicht ist dann auch alles wieder ganz anders. Oder wieder schwarz-weiß.