Das war spannend und befruchtend, was Christian Gummig (targa.tv), Holger Preckel (Alcatel-Lucent), Ibrahim Evsan (Sevenload) und Peter Yves Ruland (Connected TV) heute beim Webciety Practice Panel zum Thema “Bewegtbild im Internet” zu diskutieren hatten. Es galt zu klären, ob es “Wunderwaffe oder Kostenfalle” sei – und die einhellige Meinung war: Langfristig gehört dem Video im Netz die Zukunft, in welcher Ausprägung auch immer es am Ende erscheinen mag. Das Geschäftsmodell “Fernsehen”, so wie wir es heute kennen, geht seinem Ende entgegen. Warum? Weil sich die User künftig von Videoplattformen nur noch das ziehen, was sie wirklich sehen wollen, angereichert mit auf den einzelnen Nutzer zugeschnittene Werbung. Streuverluste in der Werbung gehören damit der Vergangenheit an, ergo: Die Werbevermarkter werden ihre Budgets vermehrt in Plattformen stecken, die geringe Streuverluste garantieren. Soweit einige wenige Kernthesen der wirklich sehr interessanten Diskussion, die von kompetenter Seite viele neue Aspekte auf den Tisch brachte – und die ich sehr ernst nahm, denn schließlich geht’s hier um nicht weniger als meine Arbeitgeberbranche in toto.

Nun beschäftige ich mich ja auch schon eine ganze Weile mit dem Thema – von der anderen Seite her kommend, als “klassisch” ausgebildeter Fernsehmensch, allerdings mit einer bekennenden und nicht zu übersehenden Affinität zu Web-2.0-Sujets und ihren Derivaten. Und natürlich machen sich auch die TV-Sender und -Anstalten Gedanken um ihre Rolle und ihre künftige Daseinsberechtigung, ob nationaler Marktführer oder regionaler Informationsversorger. Und wie sieht dieses künftige Selbstbild nun aus, das auf der Webciety ein wenig unterrepräsentiert war? Nun – wohl nicht so radikal negativ. Warum auch? Das Nutzerverhalten wird sich verschieben, ohne Frage. Die junge Internet-Elite besorgt sich Information und Unterhaltung anders als frühere Generationen. Und dennoch muss das Bewegtbild im Internet erst noch erwachsen werden, ehe es auf breiter Ebene eine Konkurrenz zum klassischen Fernsehen werden kann. Dazu nur einige wenige Anregungen und Überlegungen:
- Fernsehen muss einfach sein. Auf die Couch setzen, Glotze an, reingucken. Komplizierter darf der Workflow nicht sein. Keine Ladezeiten, keine langen “Umschaltzeiten”. Content muss sofort und zuverlässig verfügbar sein. Das ist er heute im Internet nicht, und bisher habe ich noch kein Gerät entdeckt, das dieses “Plug & Play für Dummies” möglich macht.
- Fernsehen muss vorsortiert sein. Weshalb haben journalistische Online-Portale den größeren Erfolg als viele, zum Teil qualitativ sehr hochwertige Blogs? Weil sie ein aggregiertes Abbild der Welt darstellen. Weil Journalisten eine Auswahl getroffen haben, die ein Großteil der Nutzer als das “Relevant Set” an Information ansieht. Weil der Nutzer auf einen Klick das Wichtigste des Tages vor Augen hat. Diese Aufgabe übernehmen im übertragenen Sinne heute bereits die Programmplaner des Fernsehens. Sie antizipieren den Willen ihrer Zuschauer; und sie tun das hoch professionell; ausgerichtet auf die breite Masse. Nischennutzer fühlen sich da zuweilen verloren, sicher. Aber auch die Verfechter des individuellen Fernsehens wollen ja an die breite Masse, denn sie verdient dem Anbieter letzten Endes das Geld. Wir dürfen also davon ausgehen, dass der Wille des Zuschauers bereits heute ausreichend gewürdigt wird. Es wird immer Menschen geben, die sich ein “individuelleres” Programm wünschen und dafür einen erhöhten Organisations- und Zeitaufwandaufwand beim Strukturieren und Durchforsten verschiedener Information- und Unterhaltungsquellen auf sich nehmen. Das sind jene, die heute bereits ihren Feedreader pflegen (und zu denen zähle ich mich dazu), neue Internetquellen recherchieren und sich damit quasi die eigene Redaktion machen. Sie werden sicherlich in Zukunft auch Video-RSS abonnieren und sich eine eigene Unterhaltungstimeline bauen. Aber will das Oma Kasuppke, die nette Dame von nebenan, auch? Oder will sie nicht lieber einfach nur “konsumieren”? Stressfrei. Vorgekaut, gewissermaßen.
Das große Manko des Fernsehens aktuell ist, dass es zeitgebunden stattfindet, und hier kann das Internet wirklich etwas tun. Auch das war ein Kerngedanke der Diskussion von heute, und zwar völlig zurecht. Zeitversetzte Übertragung ist eine Killerapplikation, durchaus. (Einschränkung: meistens. Denn ein spannendes Live-Event will gemeinsam erlebt werden. Die Eröffnung der Olympischen Spiele guckt sich zwei Wochen nach ihrer Erstausstrahlung kein Mensch mehr an…) Aber der Zeitversatz alleine macht noch keine Medienrevolution oder bewirkt gar, dass eines aufhört zu existieren.
Warum also sollte das Fernsehen von heute, der permanente Stream an Information und Unterhaltung, sterben, wenn er sich am Willen seiner Nutzer orientiert? Das wäre etwa so, als prophezeihe man das Ende des Radios, weil es nun MP3 gibt und jeder sich sein Radioprogramm selbst zusammen stellt. So wird es nicht kommen – das ist nach mehr als einem Jahrzehnt der Existenz von MP3s absehbar. Denn trotz Podcasts, spezialisierten Abo-Möglichkeiten im Internet, zielgruppenorientierter Werbeansprache etceterapeepee machen Millionen Menschen morgens als erstes den Radiowecker an, hören Musik und Nachrichten. Weil es technisch verdammt einfach ist und griffig aufbereitet wird. Viel mehr steckt nicht dahinter. Und später am Tag stöpselt sich der User dann den iPod ins Ohr und hört seine Lieblingsmucke. Die Vielfalt macht das Programm.
Was bedeutet das nun fürs Fernsehen? Ebenso: Friedliche Ko-Existenz, siehe Radio. Und dieses beifällige Nebeneinander wird im übrigen schon gelebt: Logiert man in einem Business-Hotel der höheren Klasse, so findet man dort im Zimmer einen Flatscreen und eine Tastatur. Fertig. Auf dem Flat ist nach Gutdünken klassisches Internet, klassisches TV und Video on demand abrufbar, meist auch noch Radio und eine virtuelle CD-Sammlung. Alles in einem Gerät, perfekt. Eine Installation, die man sich für den Home-Bereich wünschte. Und wer ist dann gestorben? Niemand.
Ich für meinen Teil denke, die Medien wachsen in dieser Art und Weise zusammen, verschmelzen und ergänzen sich. Mit bescheidenen Mitteln haben wir als privater, regionaler Fernsehsender auf rnf.de eine Video-Plattform integriert, die die journalistischen Inhalte des TV-Programms RNF beinhaltet. Die Analyse des Nutzungsverhaltens heute zeigt: Die Erstrezeption eines Themas findet im Fernsehen statt – und danach folgt gegebenfalls der Run auf Video-Portal, je nach Brisanz und öffentlichem Interesse: Links werden vermailt, zum Teil auch getwittert, und wer etwas verpasst oder nicht richtig mitbekommen hat oder einen Beitrag einfach nochmal sehen will, hat nun eine sehr bequeme Möglichkeit, in Ruhe zu recherchieren oder ein Thema auf sich wirken zu lassen. Für diese Art der Nutzung ist Bewegtbild im Internet aus der Quelle von TV-Sendern nachgerade ideal. Es ist zeitlos, unabhängig, immer verfügbar. Aber eben auch so individuell, dass man mit seinem Programm alleine ist.
In der Diskusssion wurde die Interaktivität künftigen Fernsehens angesprochen: Livekommentare der Nutzer während der Sendung, Abstimmungen, Bewertungen – so wie Twitterer das heute schon leben, völlig plattformunabhängig und unaufgefordert. Das bedingt aber zeitgleichen Programmkonsum – erst dann macht gemeinsames, interaktives Fernsehen Spaß. Alleine glotzen langweilt. Womit sich die Verfechter des individualisierten Fernsehens aber in ihrer divergierenden Argumentation zum Thema IP-TV selbst widersprechen. Aber auch das ist eventuell nur ein Zeichen dafür, dass noch nichts wirklich geschwätzt und alles im Fluss ist.
Eine weitere Frage war: Wann wird sich ein einheitlicher Standard für IP-TV herausgebildet haben? Meine Meinung: Nie. Der ständige Wandel wird uns begleiten. Wer Kompatibilitäten schafft, gewinnt. Wer auf Standards wartet, hat schon verloren. Was für die Produktion von TV ebenso gilt wie für seine Distribution.
Zuletzt noch Nebenschauplatz, der sich geradezu aufdrängt: Ein Argument für ein individualisiertes IP-TV ist ja immer wieder auch der “demokratische” Aspekt. Wenn jeder Videos erstellen und uploaden kann und jeder die Videos ansehen könne, würden sich quasi von selbst neue Formate ergeben und Talente würden sich ihren Weg bahnen. Hehr, aber nicht sehr realistisch. Große Namen und große Marken entstehen, wenn sie die große Bühne bekommen. Heißt: Wenn viele Menschen zuschauen – oder eben zuschauen müssen, weil Programmmacher das so wollen. Die vermeintlichten Stars, die das Internet bisher gebar, waren in Wirklichkeit am Ende doch Stars, die das Fernsehen schuf, von Paul Potts über “Du bist mein Sonnenliiischt” bis zu Frau Zehnbauer. Sie wurden da richtig groß, als sie von der Welt des Webs auf die große Bühne des Fernsehens traten. Und um nochmal die Brücke zum Beginn zu schlagen: Die Werber werden darauf achten, dass die Bühne sich nicht selbst atomisiert. Werbung braucht die große Bühne, braucht deren Ikonen und Galionsfiguren und die Geschichten, die sich um sie ranken. Plakative und dennoch pointierte Stories. Massenkompatibel. Wirksam. Klatschig. Kitschig. Plots, auf die SpOn und Bild.de samt ihrer Druckerzeugnisse gleichermaßen reagieren. Es braucht Stars und Figuren, an denen sich User reiben können. Und diese Stars werden nicht in den unergründlichen Weiten von YouTube o.ä. gemacht, sondern im konzertierten Medienmix durch Permanenzpräsenz. So lauft’s Bissness, net anders. Alles andere ist Brei.
Dass die Bühne künftig nicht mehr auf einer Einbahnstraße via Satellit ins Wohnzimmer kommt, sondern auf dem vierspurigen, in beide Richtungen befahrbaren Datenhighway mit all seinen Möglichkeiten und Ausbaustufen, alles IP-basiert und in High Definition einerseits, mobil und unabhängig auf den PDA-Phone-Screen andererseits – das ist unstrittig. Aber das Konzept wird im Grundsatz immer noch Fernsehen sein, ergänzt um zusätzliche Formate, die Nutzungszweck wie künftigen Endgeräten angepasst sind.
…und in fünf Jahren schau’ ich mir diese Gedankengänge dann auch nochmal an… Und DANN schaumermal, was von dem Blick in die Kristallkugel noch übrig ist. Vielleicht ist dann auch alles wieder ganz anders. Oder wieder schwarz-weiß.