Heute Abend hat die israelische Armee die Bodenoffensive im Gaza-Streifen gestartet. Die Online-Portale (nur als Beispiele: Spiegel und DerWesten) reagierten schnell und bereiteten ihre Beiträge aus den wenigen zu dieser Zeit zur Verfügung stehenden Informationen auf.
Wer allerdings fern sah – der guckte in die Röhre. Die Nachrichtensender n-tv und N24 aktualisierten wohl ihre Webseiten unter Berufung auf Agenturen und eigene Korrespondenten – aber das TV-Programm lief unverändert weiter. In den Ticker-Bändern tauchten immer mal wieder “Breaking News”-Meldungen auf – mehr aber nicht. Die Sender blieben bei “Welt der Wunder” und den geplanten Reportagen. In den stündlichen Nachrichtensendungen gab es Beiträge in der formatgerechten Länge.
Ich habe mich gefragt: Was muss passieren, dass (wohlgemerkt) ein Nachrichten-Sender sein Programm unterbricht und aktuelles Bildmaterial über seinen Satelliten jagt? Immerhin entsteht hier vor Augen der Weltöffentlichkeit ein offener Krieg.
Wer sehen wollte, was sich aktuell tat, musste – wieder einmal – auf CNN zappen. Unter dem Label “Breaking News” gab es hier Sonderberichterstattung. Sicher – mit dunklen Bildern, auf denen sich die meiste Zeit nichts tat. Mit Wiederholungen von Interviews. Mit Korrespondenten, die auch nicht sehr nah am Geschehen dran waren, weil Journalisten keinen Zugang zum Gaza-Streifen hatten. Aber als Zuschauer hatte man dennoch das Gefühl informiert zu werden. Es gab Interviews und Statements mit Vertretern beider Seiten, Telefoninterviews mit Bewohnern des Gaza-Streifens, Analysen mehr oder minder unabhängiger Beobachter und Hintergründe, etwa über die Bevölkerungsdichte in Gaza-City und mögliche Angriffsziele. Man darf das wohl inzwischen als “CNN-Style” bezeichnen – denn im Falle der terroristischen Anschläge auf Mumbai (Bombay) war das ganz ähnlich. Als Mensch mit einer gewissen Halbbildung in der englischen Sprache war man also fein raus; mit Deutsch aber auf dem Abstellgleis. Aktuell (03.01.09, 23:55 Uhr) zeigt n-tv Männer, die Puppen lieben und N24 irgendwas über Restaurants.
Ich erinnere mich an Zeiten, als n-tv sich rühmte, “Partner-Sender von CNN” zu sein, Zugriff auf das Material hatte und einfach durchschaltete. Das ist nun – ganz offenbar – nicht mehr so. Warum die deutschen Nachrichten-Sender ihr ureigenes Feld scheinbar widerstandslos aufgeben, erschließt sich mir nicht. Das zu bewerten, dazu fehlen mir auch die Hintergründe. Ich kann nur wiedergeben, was ich im Programm sehe – und das gefällt mir nicht. Bisher war ich der Meinung, ein News-Sender wartet nur auf Anlässe wie diesen, um dann die volle Kompetenz in technischer und redaktioneller Hinsicht (die es sicherlich gibt – viele der journalistischen Kollegen kenne ich persönlich…) auszuspielen. Revidiert.
An vielen öffentlichen Orten – in Gaststätten, auf Bahnhöfen, Flughäfen, selbst in Vorstandsetagen – laufen auf teuren Flatscreens den ganzen Tag über die deutschen Nachrichten-Sender – warum eigentlich noch? Nach dem Motto “online first” würden hier wahrscheinlich attraktiv aufgemachte Netz-Quellen mehr bringen – denn mehr als ein paar Textzeilen Info aus der Agentur liefern die deutschen Sender auch nicht.