Da kommt man aus der Provinz und ist plötzlich unversehens mitten drin in der deutschen Geschichte… Sowas kommt ja echt nur selten vor – aber heute ist wohl so ein Tag. Heute um Mitternacht schließt der Flughafen Berlin-Tempelhof endgültig seine Pforten. Der älteste Verkehrsflughafen der Welt, nach 85 Jahren. Das Symbol der Luftbrücke, die nach dem 2. Weltkrieg – darf man das so plakativ sagen? – Berlin vor dem Verhungern rettete. Ein Denkmal mit Geschichte. Ein architektonisches Monument, das nun schlichtweg nicht mehr gebraucht wird. Oder vermeintlich nicht mehr gebraucht wird – da gehen die Meinungen himmelweit auseinander. Im Detail informiert die Berliner Presse in diesen Tagen ausführlich über die Schließung des “Zentralflughafens” und den Streit darum, zum Beispiel hier oder hier – und das sind nur zwei von vielen Anlaufstellen.
Es ist wohl nicht mehr als eine Randnotiz der Geschichte, dass der letzte Linienflug von Tempelhof nach Mannheim geht: heute Abend um 22 Uhr. Und wie redaktionelle Dienstpläne manchmal so spielen: als Journalist aus Mannheim darf ich diesen letzten Linienstart von Tempelhof begleiten, um in der Metropolregion Rhein-Neckar zu berichten, was so Besonderes an diesem Flug war.
Wieviel Emotion bei den Berlinern mitschwingt, wenn es um “ihren” Flughafen geht, das hab’ ich erst kapiert, als ich heute vor Ort war und ein bisschen gelauscht habe, als Männer, die um etliches älter sind als ich, über den Flughafen geredet haben. Sie haben ganz offenbar das Gefühl, ein Stück Identität zu verlieren. Sie schimpfen auf ihre Regierung, die den Airport aufgegeben hat. Sie fürchten, dass die wirtschaftlich angeschlagene Hauptstadt weiter an Attraktivität verliert. Sie spötteln darüber, dass der Flughafen ohne Not dicht macht und kein Mensch eine Ahnung hat, was mit dem Areal nun eigentlich weiter passieren soll.
Und der Tag heute in Berlin passte irgendwie auch zur Depri- und Abschieds-Stimmung: Es war kalt, nass, ungemütlich, und sicherlich wird sich morgen der ein oder andere Kollege der Hauptstadt-Journaille die Floskel: “Der Himmel weinte zum Abschied…” nicht verkneifen können… (Was im übrigen dann auch der Grund wäre, wenn ich ab morgen mit einem grippalen Infekt zu Bette liege – aber das nur ganz nebenbei als Randnotiz zu den Produktionsbedingungen heute *Jacke auswring*…)
Andererseits sind sicherlich auch eine ganze Menge Menschen froh, dass es mit dem Flugbetrieb in Tempelhof nun ein Ende hat – zum Beispiel jene, denen man bei der Landung mitten in der Stadt nachgerade ins Wohnzimmer gucken konnte. Aber sie sind offenbar in der Minderheit – wenn man dieser Online-Umfrage glauben darf: Stand 17:30 Uhr heute Abend wenden sich knapp 80 Prozent der abgegebenen Stimmen gegen die Schließung. Das ist schon ein Packen. Und dennoch wird das nichts mehr ändern: Heute Abend ab 20 Uhr steigt in der Abflughalle ein Gala-Abend zum Ende Tempelhofs, und auch die ist heftig umstritten. Vielleicht auch deswegen, weil lediglich 800 geladene VIPs offiziell Abschied nehmen dürfen. Für Normalos blieb die Halle am letzten Tag verschlossen. Sie dürfen sich das Spektakel heute Abend live im RBB anschauen, der die Terminalhalle in ein Fernsehstudio verwandelt hat. Dennoch – das konnte ich heute beobachten – kamen viele Berliner um zu kiebitzen. Einer stellte ein Grablicht auf, andere fotografierten das letzte große Aufgebot. Für 18 Uhr ist eine Demonstration gegen die Schließung rund um das Luftbrückendenkmal geplant – es geht den Berlinern also ans Herz, dass Tempelhof nicht mehr sein wird.
Was ändert sich nun für uns Mannheimer? Nun – wir können das Treiben relativ gelassen sehen. Unsere “Haus-Airline”, Cirrus, landet ab morgen in Tegel. Der Weg in die Stadt ist etwas weiter, die Reisezeiten verlängern, die Attraktivität der Verbindung nimmt ab. In der Vergangenheit war der Flug von Mannheim nach Berlin so ein bisschen wie Busfahren – von der City in die City, direkter Anschluss ans Zentrum, begleitet von kurzen Abfertigungszeiten am Terminal. Das war Luxus, klar, und der kostete auch entsprechend: etwa ab 560 Euro (lt. Website von Cirrus Airlines heute). Mit Billigfliegen hat das sicher nichts zu tun. Aber Geschäftsreisende haben ihre Vorteile von der Berlin-Connection, und deswegen sind die DO-328s zwischen Mannheim und Berlin auch gut gebucht. Daran wird sich nach allem, was man heute hört, nicht viel ändern. Für Mannheimer ändert sich wohl etwas am Komfort der Verbindung – die Emotion eines Berliners gegenüber Tempelhof haben sie jedoch sicherlich nicht.
