15. August 2008, 20:30 Uhr – Fußball-Deutschland hat seine Bundesliga wieder. FC Bayern gegen HSV, eine attraktive Partie zum Start. Sofa, Bierchen, ein bisschen Fußball-Blödeln in Twitter. Herrlich.
21:20 Uhr: Das Bereitschaftshandy klingelt. Bei der viertklassigen Fußball-Begegnung haben sich Fans des SV Waldhof Mannheim und von 1860 München (2. Mannschaft…) in die Wolle bekommen. Feuerwerk im Münchner Fanblock, die Mannheimer Fans reagieren “gewaltbereit”, wie die Polizei es ausdrückt. Als Journalist in Mannheim weiß man, was das bedeutet. Der Bundesliga-Fußball-Abend ist vorbei; wir fahren raus. Die Fakten sind relativ schnell erzählt: hier.
Was aus der Nachrichtenmeldung nicht hervorgeht, ist die geladene Stimmung vorm Carl-Benz-Stadion: Als wir mit der Kamera auftauchen, rotten sich sofort sechs, sieben Fans, zum Teil vermummt, zusammen und drohen: “Wann ihr do filmt, schlachemer eisch zamme. Is des klar? Die Kamera bleibt aus, bloß dassders wisst.” Wir glauben den Halbstarken. Denn wo sich hoher Alkoholpegel mit unterirdischem IQ paart, sinken Frustrations- und Hemmschwellen auf ein Minimum. Rationale Argumentation verpufft ohnehin. Also: Rückzug. In der Nähe stehen etwa 50 Polizisten, die sich den Abend sicherlich auch anders vorgestellt haben: Schutzschilde, Helme und das Ding, dass man offiziell nicht Knüppel nennen darf, haben sie dabei. Frühsport am Abend: Wenn aufgeheizte Mob losrennt, bewegen sich auch die Polizisten – immer hin und her in Höhe des Luisenparks. Zwischendurch der wohl meinende Rat an uns: “Guckt mal, dass ihr hinter der Litfaßsäule bleibt – von da drüben fliegen immer wieder Steine – kann weh tun.” Und warum? “Die warten auf die 60er-Fans. Die stehen hinterm Stadion mit ihren Bussen und kommen nicht raus.” Wir gehen mit der Kamera mal nachgucken – und finden: nichts. Die Busse haben sich inzwischen durch eine Räuberles-Ausfahrt unbemerkt verabschiedet. Und trotzdem dauert es noch mehr als eine dreiviertel Stunde, bis sich die Stimmung vor dem Stadion beruhigt.
Was ist das nun? Der Frust der Vierklassigkeit? Wohl eher nicht. Es scheint, als sei die Liga egal – sich kloppen kann man im Zweifelsfall auch in der Kreisklasse. Von den strahlenden Fan-Festen der WM 06 und EM 08 ist auf dem Waldhof jedenfalls nichts zu spüren. Die allgemein wieder gewonnene Fußball-Euphorie ist zumindest an einem Teil der Blau-Schwarz-Fans vorbei gegangen, ganz offensichtlich. Schade eigentlich.
In der Viertklassigkeit bleibt’s nach solchen Abenden bei regionalen Nachrichtenmeldungen. Am kommenden Spieltag aber, am 23. August, empfängt Bundesliga-Aufsteiger 1899 Hoffenheim Borussia Mönchengladbach zur Heim-Premiere. In eben jenem Carl-Benz-Stadion, das gestern Schauplatz von Viertliga-Krawallen war. Wenn die Chaoten dann ihre nationale Bühne wittern (der Verein, der in Mannheim als Gastgeber spielt, ist im Zweifelsfall wohl auch egal) wird’s richtig bunt. Und noch bevor Hoffenheim überhaupt zeigen konnte, was es im Fußball kann, ist Mannheim wieder als Assi-Stadt des Ballsports in aller Munde. Das hatten wir schon einmal. Nein, so wünsche ich mir Spitzen-Fußball im Delta nicht.